Über eine Welt ohne Regeln
...und damit eine Welt ohne Freiheit. Ein Text über die neue Weltordnung und warum sich jetzt sogar der Pabst einschaltet. Mit Grüßen aus Tallinn, Estland.
Liebe Leserinnen und Leser,
der mittlerweile in Kanada ansässige US-Historiker Timothy Snyder unterscheidet – ganz grob zusammengefasst – zwischen zwei Arten von Freiheit: Der Freiheit von etwas, also z.B. frei zu sein von einem diktatorischen Regime, und der Freiheit „zu“ etwas, also der Freiheit, zu handeln oder eine Entscheidung zu treffen, die das eigene Leben oder das Leben anderer Menschen (hoffentlich zum Positiven) verändert.
Man könnte diese beiden Formen von Freiheit auch als passive und aktive Freiheit bezeichnen. Wer in Deutschland lebt, wird höchstwahrscheinlich die passive Freiheit genießen, denn Deutschland ist ein Land, das seine Menschen nicht unterdrückt und ihnen nicht vorschreibt, was (oder was nicht) sie denken und sagen dürfen.
Das Interessante an dieser Freiheit – sowohl an der aktiven als auch an der passiven – ist, dass Freiheit nur dann funktioniert, wenn es Regeln gibt. Und zwar vor allem Regeln für die, die Macht ausüben – also Staaten, Präsidenten, Premierminister etc. Mit anderen Worten: Echte Freiheit basiert meistens auf Regeln, die diese Freiheit (für alle) gewährleisten.
Freiheit ist kostbar
Mit Freiheit und Unfreiheit kennt sich Estland gut aus. Ich konnte die vergangenen Tage Zeit in der Hauptstadt Tallinn verbringen und mit einigen interessanten Menschen vor Ort sprechen.
Der Satz, der am häufigsten fiel: In Estland erinnern sich die Menschen gut an eine Zeit, in der sie nicht frei waren und sich dem diktatorischen Sowjet-Regime beugen mussten. In Estland ist klar: Freiheit lässt sich nur durch Bildung erhalten, Freiheit muss man verteidigen und dafür braucht es internationale Regeln und Bündnisse (wie die EU und die NATO). Die Esten sind Pragmatiker, die Esten sind klug, unaufgeregt und zukunftsfähig. Wir können viel von den Esten lernen.
Im Kontext dieser Freiheit blicke ich allerdings mit großer Verwunderung auf den wachsenden Drang vieler Menschen, eine Welt ohne Regeln zu bevorzugen.
Internationale Normen wie die UN-Charta? Bringen nichts, veraltet, hält sich keiner dran, kann weg. Kriege und Grenzverschiebungen? Das Recht des Stärkeren gilt. Künstliche Intelligenz und Tech-Konzerne? Lasst sie machen, gut fürs Wirtschaftswachstum, nicht überregulieren.
So in etwa laufen viele der Diskussionen, die ich gerade höre. Aber welche Konsequenzen hätte das eigentlich?
Thant Myint-U, Historiker und Senior Fellow bei der United Nations Foundation, sieht die größte Gefahr für die globale Friedensordnung nicht im amerikanischen Rückzug, sondern in einem kollektiven Vergessen ihrer historischen Errungenschaften.
Er schreibt im Foreign Affairs Magazin:
„Die wahre Katastrophe ist die Abkehr von den beiden Grundüberzeugungen – kein Krieg und kein Imperium – sowohl seitens der Staaten als auch der Öffentlichkeit; verursacht nicht durch den Rückzug der USA, sondern durch eine Erosion der internationalen moralischen Führungsrolle und des kollektiven Gedächtnisses, die diese einst stützten. Es ist eine Krise der Vorstellungskraft, hervorgerufen durch eine vielschichtige Amnesie, nicht nur in Bezug auf Krieg und Imperium, sondern auch auf die außergewöhnlichen Erfolge der Friedensstiftung einer früheren Vereinten Nationen. Die Wiedergewinnung dieser verlorenen Geschichte und der Wiederaufbau der Politik (und erst dann der Institutionen), die einst diese beiden Überzeugungen in den Mittelpunkt des globalen Denkens stellten, sind die wesentlichen ersten Schritte hin zu einer neuen, friedlichen Weltordnung.“
Die echte Aufrüstung findet bei KI statt
Doch gibt es seitens der Mächtigen überhaupt ein Interesse an dieser Erinnerung? Oder ist die kollektive Amnesie im Grunde genommen genau das, was gewünscht ist, um eine Welt der Raubtiere (Hour of the Predator - Giuliano da Empoli) zu forcieren?
Aufrüstung bedeutet jedenfalls nicht mehr nur Panzer oder Waffen, sondern auch (und vor allem) Server und Datencenter. Immer schneller wird Macht deswegen an Menschen und Firmen übertragen, die keinerlei Interesse an Moral oder Ethik haben.
Der Leiter des Hauptstadtbüros der Hanns-Seidel-Stiftung in Berlin, Dr. Alexander Wolf, schrieb dazu vor ein paar Wochen einen hochinteressanten Artikel auf Substack, der verdeutlicht, wie weit diese Macht-Übertragung von Staaten zu Unternehmen bereits vorangeschritten ist.
Er leitet seinen Artikel so ein:
„Im Frühjahr 2026, in den heißesten Wochen der Hormuz-Krise, lief ein erheblicher Teil der amerikanischen Zielerfassung im Iran-Theater über Plattformen privater Unternehmen. Palantir lieferte die Software, die Satellitenbilder, Funkabhörungen und Drohnenvideos zu einem einzigen Lagebild zusammenfügt. Anduril lieferte die Drohnen, die in dieses Lagebild eingespeist werden und in Echtzeit Ziele angreifen. Das Pentagon kaufte beides ein, das Pentagon traf die Entscheidung. Aber die Architektur, in der entschieden wurde, gehörte zwei kalifornischen Konzernen, die zehn Jahre zuvor in den meisten Außenministerien niemand auf dem Radar hatte. Effizient war das System auch, und das ist der wichtigere Teil der Geschichte. Wer einmal gesehen hat, wie schnell so ein integriertes System aus Aufklärungs-KI und autonomen Wirkmitteln den Weg vom Sensor zum abgefeuerten Schuss verkürzt, versteht, warum das Pentagon diese Abhängigkeit eingeht.“
Wolf bezeichnet diese neue internationale Ordnung weder als Weltordnung noch als offene Anarchie, sie sei vielmehr eine Halbordnung.
Kein Wunder also, dass sich nun sogar Institutionen wie die Katholische Kirche Gedanken machen (müssen) über die Frage, wie der Mensch vor Künstlicher Intelligenz geschützt werden kann. Papst Leo XIV stellte (u.a.) dazu jüngst seine erste Enzyklika vor.
In dem Lehrschreiben heißt es z.B.:
„Mit diesem Szenario geht die unaufhörliche Weiterentwicklung von Waffensystemen einher, insbesondere von Waffen, die KI nutzen. Der Heilige Stuhl hat kürzlich festgestellt, dass die zunehmende Leichtigkeit, mit der operationell autonome Waffensysteme eingesetzt werden können, Krieg „durchführbarer“ macht und ihn weniger der menschlichen Kontrolle unterwirft, was dem Grundsatz widerspricht, dass der Einsatz von Waffengewalt nur als letzte Option in Fällen legitimer Verteidigung erfolgen sollte. Aus diesem Grund müssen die Entwicklung und der Einsatz von KI auf dem Gebiet der Kriegsführung strengsten ethischen Auflagen hinsichtlich der Achtung der Menschenwürde und der Unantastbarkeit des Lebens unterliegen, ohne dass es zu einem Wettrüsten kommt.“
If we’re not at the table, we’re on the menu!
Eine Welt ohne die obengenannten ethischen Auflagen könnte schreckliche Folgen haben. Zum einen natürlich für Menschen, die in künftigen Kriegen von KI gesteuerten Waffen umgebracht werden. Zum anderen aber auch für Staaten, die sich womöglich der neuen Macht der großen Tech-Unternehmen unterordnen müssen. Das könnte dazu führen, dass ein deutscher Bundeskanzler oder eine deutsche Bundeskanzlerin im Jahr 2030 weniger zu sagen hat, als der CEO eines US-amerikanischen oder chinesischen Tech-Konzerns.
Um das zu verhindern, braucht es Kooperation zwischen Mittelmächten. An dieser Stelle zitiere ich aus der Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney, der im Januar in Davos sagte:
„Die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln. Denn wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, dann stehen wir auf der Speisekarte!“ (If we’re not at the table, we’re on the menu!)
Und damit schließt sich der Kreis. Denn genau hier kommen die internationalen Regeln ins Spiel, die derzeit so unter Druck stehen. Dabei haben wir in Europa bereits eine funktionierende Institution, die viele dieser Regeln definiert.
Diese Institution heißt Europäische Union.
Sie ist nicht perfekt. Aber ihre Stärke liegt gerade darin, dass sie Macht begrenzt. Staaten und Institutionen geben einen kleinen Teil ihrer Macht auf, damit gemeinsame Regeln entstehen, die allen zugutekommen. Die EU zu stärken sollte eine zentrale Aufgabe Deutschlands sein.
Der Mensch scheint offenbar zunehmend bereit, die Lehren der Vergangenheit zu vergessen und jenen zu folgen, die einfache Antworten und grenzenlose Freiheit versprechen. Dabei werden offensichtliche Widersprüche oft ausgeblendet.
Die AfD etwa inszeniert sich als Verteidigerin der Meinungsfreiheit, zeigt aber gleichzeitig Sympathien für Wladimir Putin – einen Autokraten, für den freie Medien, politische Opposition und offene Debatten eine Bedrohung darstellen. Dass beides kaum zusammenpasst, wird erstaunlich selten thematisiert.
Sollte der Mensch weiterhin nach einer Ordnung ohne Regeln streben, könnte er sich schon in wenigen Jahren in einer Gesellschaft wiederfinden, in der Repression für Bürgerinnen und Bürger zum Alltag gehört, während für die Mächtigen kaum noch Grenzen gelten.
Dann gäbe es weder passive noch aktive Freiheit. Nutzen wir deshalb die aktive Freiheit, die wir heute besitzen, um genau diese Welt zu verhindern.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche.
Philipp Sandmann





Hallo Herr Sandmann. Einen tollen Artikel haben sie da geschrieben. Ich finde auch schon lange Zeit, dass die Regeln wichtig für ein gutes Zusammenleben sind. Von den heutigen Libertären habe, ich den Eindruck, sie wollen durch das Abschaffen der Regeln die Freiheit erhalten, anderen die Freiheit zu nehmen.
Ihr Beitrag wird auf jeden Fall geteilt. Viele Grüße.
hmmmh etliches davon habe ich ja auch schon vor Jahren so beschrieben. Und Stichwort KI kann man halt immer wieder etliche Folgen von Star Trek heranziehen um zu sehen: was wäre wenn.
Klar: einiges ist Utopie, aber es geht um Grundsätze, auch was das Thema "Freiheit" angeht.