Fall Epstein: Geheimdienste, Kompromat und ein irreparabler Schaden
Ein exklusives Interview mit dem russischen Analysten Igor Danchenko über eine entschärfte "Zeitbombe" und die Frage, was die Epstein-Files für den Westen bedeuten.
Liebe Leserinnen und Leser,
die Epstein-Files ziehen sich in diversen westlichen Ländern wie eine klaffende Wunde durch Medien, Politik und Gesellschaft. Die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und die Opfer zu schützen, muss Priorität haben. Dennoch ist am Ende ein Schaden für „den Westen“ entstanden, den mein Gesprächspartner im Interview als „irreparabel“ bezeichnet.
Warum jetzt ein Newsletter über Jeffrey Epstein und seine mögliche Russland-Connection?
Read the English version of this article here:
Weil ich mich schon vor knapp zehn Jahren mit dem sogenannten Steele Dossier beschäftigt habe. Das Steele Dossier war eine Sammlung von nachrichtendienstlich anmutenden Berichten über mögliche Verbindungen zwischen dem Umfeld des damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Russland. Es wurde 2016 vom ehemaligen britischen Geheimdienstmitarbeiter Christopher Steele erstellt, der über seine Firma Orbis Business Intelligence arbeitete.

In Auftrag gegeben wurde die Recherche zunächst von einem konservativen US-Medium. Später übernahm eine Anwaltskanzlei im Auftrag des Wahlkampfteams von Hillary Clinton und des Democratic National Committee die Finanzierung.
In dem Dossier stand unter anderem, dass Russland kompromittierendes Material über Trump gesammelt habe und Mitglieder aus Trumps Umfeld wiederum Kontakte zu russischen Akteuren gehabt hätten.
Während das Dossier, vor allem von Trump und der republikanischen Partei, verunglimpft wurde, so wurde in den Jahren danach jedoch klar, dass einige der Kernpunkte stimmten. So zum Beispiel:
Russische Einmischung in die Wahlen: US-Geheimdienste und der Geheimdienstausschuss des Senats bestätigten, dass Russland eine umfassende Kampagne zur Einmischung in die Wahlen 2016 durchgeführt hat, um Donald Trump zu begünstigen – was auch in dem Dossier behauptet wurde.
Kontakte zwischen Trump-Mitarbeitern und Russen: Untersuchungen (einschließlich des Mueller Reports und eines parteiübergreifenden Senatsberichts) dokumentierten zahlreiche Kontakte zwischen Personen aus Trumps Wahlkampfteam und Personen mit Verbindungen zu Russland, was der allgemeinen Behauptung des Dossiers über Interaktionen entspricht.
Und nun zurück zu Epstein. Vor gut einer Woche gab Christopher Steele, der oben genannte Ex-MI6-Agent, dem britischen Radiosender LBC ein Interview, in dem er sagte:
„Meine Quellen in Amerika sagen mir, dass die Einschätzung der amerikanischen Regierung und der amerikanischen Geheimdienste lautet, dass Epstein bereits in den 1970er Jahren von russischen organisierten Kriminellen in New York rekrutiert wurde und dass seine Informationen und seine operativen Techniken von diesem Zeitpunkt an genutzt wurden.“
Mit anderen Worten: Eine Epstein-Russland-Verbindung gilt als wahrscheinlich. Die Frage ist nur, welchen Umfang sie hatte.
Interview mit Igor Danchenko
Genau dazu wollte ich mehr herausfinden und habe deswegen mit einem Mann gesprochen, der sich auskennt. Mit Igor Danchenko.
Danchenko ist ein russischstämmiger Analyst und Rechercheur, der in Washington jahrelang in der Think-Tank- und Risikoanalyse-Welt arbeitete.
International bekannt wurde er, als er als zentrale Quelle hinter Teilen des Steele Dossiers identifiziert wurde. Als politischer Risikoanalyst mit breitem Kontaktnetz in russischen und internationalen Kreisen sammelte er über Jahre hinweg Informationen aus informellen Gesprächs- und Exilnetzwerken, bewertete deren Glaubwürdigkeit und ordnete sie in geopolitische Analysen ein.
Medienporträts beschreiben ihn als methodischen Netzwerker, der Hinweise aus unterschiedlichen Milieus zusammenführen und einordnen konnte – eine Fähigkeit, die ihn für Ermittler und Analysten gleichermaßen relevant machte. FBI-Beamte bezeichneten Danchenko als „very valuable source“, weil seine Berichte in zahlreiche Ermittlungen und Lageeinschätzungen einflossen und Einblicke in schwer zugängliche russische Gesprächskreise boten.
„Der Gesamtschaden für den Westen ist irreparabel“
Philipp Sandmann: Sie kommen zu dem Schluss, dass Russland in den Fall Epstein involviert war, allerdings erst zu einem relativ späten Zeitpunkt. Was genau meinen Sie damit und wie sind Sie zu dieser Beurteilung gekommen?
Igor Danchenko: Die Annahme ist, dass der russische Geheimdienst Jeffrey Epstein schon lange im Voraus gekannt haben dürfte, wie die meisten großen Geheimdienste auch – und zwar schon vor seiner ersten Verurteilung. Nach dieser Verurteilung hat Russland meiner Meinung nach jedoch eine aktivere operative Haltung eingenommen. Zu diesem Zeitpunkt tauchten ernstzunehmende russische Agenten in Epsteins Umfeld auf, in einigen Fällen fast schon auf offener Bühne.
Was meinen Sie mit „auf offener Bühne“?
Ein Beispiel ist Maria Drokova, die einst als PR-Beraterin für Epstein tätig war. Sie war (früher) öffentlich sehr pro-Putin – bis zu dem Punkt, dass sie in Russland verspottet wurde. Sie war in der pro-Kreml-Bewegung Nashi aktiv und lobte Putin sogar öffentlich auf sehr theatralische Weise. All dies war gut dokumentiert. Doch dieselbe Person zog später in den Westen und wurde Teil von Epsteins Pressearbeit.
An sich wäre das vielleicht nicht ungewöhnlich gewesen, aber sie hatte Verbindungen zu vielen Personen in verschiedenen Netzwerken: Einige ihrer ehemalige Kollegen waren ebenfalls in den Westen gezogen, andere blieben in Russland, einige waren wohlhabend, andere hatten Verbindungen zur russischen Präsidialverwaltung. Diese Verbindungen waren bekannt. Selbst unbeabsichtigt hätte jemand in so einer Position Informationen an mehrere Kontakte weitergeben können. Und Drokova hat mit Sicherheit eine Menge erfahren. Sie ist nur ein Beispiel von vielen.
„Es gab genügend Fälle dieser Art, die darauf hindeuten, dass die russischen Geheimdienste nicht nur wussten, was vor sich ging, sondern auch in der Lage waren, sensible Informationen zu sammeln.“
Sie beziehen sich auch auf die russischen Models, die mit Epstein in Verbindung stehen?
Ja. Sie kamen aus unterschiedlichen Verhältnissen. Einige waren einfach junge Frauen ohne offensichtliche Verbindungen zu irgendetwas. Andere schienen jedoch familiäre Verbindungen zu hochrangigen Persönlichkeiten der russischen Sicherheitsdienste zu haben. Wenn man Risiko [Risk] analysiert und einschätzt, dann ist so etwas ein deutliches Warnsignal - eine red flag. Es gab genügend Fälle dieser Art, die darauf hindeuten, dass die russischen Geheimdienste nicht nur wussten, was vor sich ging, sondern auch in der Lage waren, sensible Informationen zu sammeln.
„Tatsächlich sammelten mehrere große Dienste kompromittierendes Material und hielten es geheim, während sie immer detailliertere Dossiers anlegten.“
Glauben Sie, dass die Geheimdienste diese Informationen aktiv genutzt oder lediglich gesammelt haben, um zu sehen, wie sich die Ereignisse entwickeln würden?
Wie andere Geheimdienste auch haben die Russen diese Informationen wahrscheinlich gesammelt und aufbewahrt. Man kann davon ausgehen, dass sie später für Einflussnahmen genutzt werden sollten. Israel hat mit großer Sicherheit dasselbe getan, und die US-Geheimdienste waren sich dessen sicherlich ebenfalls bewusst. Tatsächlich sammelten mehrere große Dienste kompromittierendes Material und hielten es geheim, während sie im Hintergrund immer detailliertere Dossiers anlegten. Seitdem hat ein Großteil dieses Materials durch die Veröffentlichung an Wert verloren.
Am Wert verloren für alle, nicht nur für eine Seite?
Genau. Sobald solche Informationen allgemein bekannt sind, verlieren sie ihre Wirkungskraft und Hebelwirkung. Die Wirksamkeit nimmt ab, weil zu viele Behörden über ähnliches Material verfügen und vieles davon bereits öffentlich bekannt ist. Aus dieser Perspektive ist eine Enthüllung das logische Ergebnis.
Was meinen Sie damit?
Wenn zu viele Menschen Gefahr laufen, öffentlich kompromittiert zu werden, ist eine Offenlegung fast unvermeidlich. Wenn man einen Prozess nicht vollständig kontrollieren kann, versucht man eben, ihn zu lenken. Bis zu einem gewissen Grad wurde eine große „Zeitbombe“ aus kompromittierendem Material entschärft, indem Teile davon öffentlich gemacht wurden. Dennoch bestehen weiterhin kleinere Risiken – beispielsweise Personen, die Opfer waren, aber auch über Informationen verfügen.
Der Schaden, der angerichtet wurde, ist immens, wenn man bedenkt, wie und in welchem Licht die Personen in den Akten nun gesehen werden, von denen einige einst als respektabel galten. Es ist ein schwerer Schlag für den Westen und die entlarvten Eliten.
Ja. Aber noch einmal: Um diese große Bombe kompromittierender Materialien zu entschärfen, wurden all diese Menschen geopfert. Letztlich um eine kleine Anzahl von Menschen zu schützen, wie zum Beispiel, nun ja, Sie wissen schon wen, und andere. Sie waren bereit, nicht nur die Namen der Opfer zu nennen, um sie einzuschüchtern, sondern auch Menschen wie Bill Gates, Noam Chomsky, Deepak Chopra und andere. Sie wollten es ausweiten, um den Eindruck zu erwecken, dass alle irgendwie „unter einer Decke stecken.“ Dadurch wird der Schaden minimiert, indem die Verantwortung verteilt wird. Es lenkt von den politischen und wirtschaftlichen Eliten ab und verlagert den Fokus auf andere bekannte Persönlichkeiten. Man kann es sehen wie einen Kollateralschaden.
„Man kann vielleicht ein paar Leute in der US-Führung schützen, aber zu welchem Preis? Zum Preis des Rufs des gesamten Westens.“
Im Grunde genommen lautet der Ansatz also: anstatt nur einige wenige Personen herauszugreifen und zu opfern, was möglicherweise nicht ausreicht, werden alle geopfert. Dann hofft man, dass die Menschen mit der Zeit vergessen, weitermachen oder sich auf andere Dinge konzentrieren. Auf diese Weise verlieren die Menschen das Interesse.
Aber ja, der Gesamtschaden für den Westen ist irreparabel. Man kann vielleicht ein paar Leute in der US-Führung schützen, aber zu welchem Preis? Zum Preis des Rufs des gesamten Westens. Und wenn man sich die russische Darstellung ansieht, gibt es, wie man sieht, keine Russen in diesen Papieren – zumindest keine Täter oder Personen, die den heutigen Eliten nahestehen.
Wie schätzt Putin Ihrer Meinung nach die Situation ein? Sieht er darin einen Imageschaden für die USA?
Aus dieser Perspektive muss der Kreml nicht viel unternehmen. Die russische Propaganda kann einfach auf den Skandal verweisen und ihn als Beweis für den moralischen Verfall der westlichen Eliten darstellen. Das ist ein bedeutender Propaganda-Vorteil. Der Reputationsschaden könnte Jahrzehnte anhalten und die Eliten verfolgen. In diesem Sinne stellt er einen moralischen und informativen Sieg für Russland, China und andere Großmächte dar, die die westliche Vorherrschaft in Frage stellen, während die westlich geprägte Welt immer multipolarer wird. In dieser multipolaren Welt bleiben Vernetzung und gegenseitige Abhängigkeit bestehen. Und das Epstein-Netzwerk ist ein Beispiel für solche komplexen Netzwerke.
Könnten Sie näher erläutern, was Sie unter „komplexen Netzwerken“ verstehen?
Ein Netzwerk von Personen, die durch informelle Beziehungen miteinander verbunden zu sein scheinen, die den Informationsaustausch erleichtern, die Entscheidungsfindung beeinflussen und das Verhalten prägen. Diese Verbindungen ähneln den langjährigen, gegenseitigen Schutzbindungen, die oft in Filmen dargestellt werden – Gruppen, die durch Loyalität und Geheimhaltung verbunden sind. Diese Dynamik scheint auch nach dem Tod von Jeffrey Epstein fortzubestehen, der neben seiner Mitarbeiterin Ghislaine Maxwell weithin als zentraler Vermittler dieser Beziehungen galt. Die Auswirkungen dieser Verbindungen dürften noch Jahre lang nachwirken.
Eine wichtige Aufgabe für die Zukunft besteht nicht nur darin, die direkt Verantwortlichen zu identifizieren, strafrechtlich zu verfolgen und zur Rechenschaft zu ziehen sowie die Opfer zu unterstützen, sondern auch darin, alle verbleibenden informellen Netzwerke, die das Fehlverhalten ermöglicht haben, methodisch zu zerschlagen. Ein Großteil dieser Arbeit wird mühsam und weitgehend unspektakulär sein und sorgfältige Ermittlungen und Diskretion erfordern. Einige Verbindungen scheinen nach der teilweisen öffentlichen Aufdeckung geschwächt zu sein, andere könnten jedoch bestehen bleiben und erfordern eine anhaltende Überprüfung.
Vielen Dank, Igor Danchenko, dass Sie sich die Zeit genommen haben.
Philipp Sandmann


